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Die Bundeskanzlerin hat recht - jawoll!

von Thomas Franke

Früher, als Deutschland noch eine Tennisnation war, kursierte ein Witz: Sagte die eine Tennisgröße hämisch zur anderen: „Ah, Sie haben ein Buch herausgebracht. Und, wer hat es für Sie geschrieben?“ Sagte die andere: „Das habe ich selber geschrieben. Aber wer hat es für Sie gelesen?“ Was damals spöttisch die intellektuellen Fähigkeiten der Sportler in Frage stellte, hat heute längst Einzug in weiten Teilen der Presse gehalten. Ganze Geschäftsmodelle bauen darauf auf, dass Fremdautoren willig Inhalte liefern. Ganze Medien leben ausschließlich davon, dass sich vermeintliche Experten oder Meinungsführer aufschwingen um für das eine oder andere Magazin zu schreiben. Der Eitelkeit sei Dank! Medien saugen also Fremdinhalte auf und spucken sie als vermeintliche Eigenleistung wieder aus. Selbst bei traditionellen Medien werden seit Jahren Redaktionen ausgedünnt und durch „freie“ Journalisten mit Kurzfristverträgen ersetzt. Was früher die Ausnahme war, um zum Beispiel ein spezielles Wissensgebiet abzudecken, wird heute zur Regel. Klar bezahlt man den Journalisten dann für seine Arbeit. Aber wer bezahlt ihn noch? Längst sind in der Szene, neben den allseits bekannten politischen Überzeugungstätern, auch einige „Pragmatiker“ unterwegs, die mit der wohlmeinenden Erwähnung von Unternehmen, Regierungen, Nationen oder Personen sich eine „müde Mark“ nebenher verdienen. Aber es geht natürlich auch offiziell, sei es der gesponsorte Kongress oder die Sonderbeilage in der Zeitung. Das alles wäre kein Problem, hätte man einen erwachsenen Umgang mit derartigen Geschäftsmodellen. Es funktioniert gut, wenn man klipp und klar sagt, wo das Geld her kommt und dennoch zeigt, dass man anständigen und ausbalancierten Journalismus liefern kann. Allen muss klar sein: Professioneller Journalismus kostet Geld. Und das muss nun mal irgendwo herkommen. Abonnements und Werbung funktionieren immer weniger. Payed Content ist immer noch ein weitgehend unbestelltes Feld. Ob es jemals ein fruchtbarer Boden sein wird, bleibt abzuwarten. Ich bin da skeptisch. Schwierig mit der Glaubwürdigkeit wird es aber, wenn man den Sponsor, peinlich berührt, nur halblaut nennt (wenn überhaupt) und statt dessen sich in teilweise penetranten positiven Beurteilungen ergießt.

 Meinung statt Meldung

Man muss noch nicht einmal mehr auf die eingangs erwähnte Eitelkeit der Fremdautoren bauen, um die Medien auf Stimmungsmache zu reduzieren. Das können Redakteure schon selbst. Allgemein findet in Redaktionsstuben gemeinhin wenig Faszinierendes statt, sieht man mal von ausgekippten Kaffeebechern oder kollabierenden Kollegen ab. Die Wirklichkeit findet draußen statt. Das schafft eine fatale Abhängigkeit von der Realität. Und was passiert, wenn mal nichts passiert? Oder wenn nicht nur schon alles, sondern zusätzlich noch von jedem gesagt wurde? Dann zückt der leitende Redakteur die Feder und leitet durch seinen schlauen Meinungsartikel das vermeintlich „dumme Volk“ in die richtige Richtung. 

Mit dem Kommentar, früher die hohe Kunst des Journalismus, wandelt sich der Journalist schließlich selbst vom Chronisten zum Richter. Früher sehr sanft eingesetzt, wird die Meinung heute zum maßgeblichen Stilelement - zur News an sich. Da wird bei Onlinemagazinen der Kommentar zum Besuch eines Regierungschefs schon mal zum Aufmacher. Wer sich dafür interessiert, was denn überhaupt geschehen ist, bzw. besprochen wurde, kann herunterscrollen und erfährt doch ohnehin nur Nichtigkeiten. Von den Debattenformaten im Fernsehen gar nicht erst zu reden. Brauchten Redakteure früher die brandheiße „News“ wie die Luft zum Atmen, kommt man heute offensichtlich auch ohne Sauerstoff aus.

 Motto: „Wenn nix passiert, ist noch lange nix los!“

Die Meinung wird zum tragenden Element an sich. Ganze politische Debatten bestehen heute nur noch aus Meinung und sonst nichts. Beispiel TTIP (Handelsabkommen EU-USA). Heftig wird landauf, landab diskutiert, dass die Fetzen fliegen. Inhalte werden durch Ressentiments und diffuse Ängste ersetzt. Ausgewiesene Fachleute sagen selbst, dass es bis dato noch keine faktische Grundlage gibt, auf Grund derer man beurteilen könnte, ob TTIP jetzt eine tolle Sache oder zu unser aller Schaden ist. Dass der Abbau von Handelsbarrieren irgendwie gut für die Wirtschaft sein dürfte ist klar. Ebenso dürfte klar sein, dass Konvergenz nicht dazu führen darf, sich bei der Sicherheit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen - wird man sicher auch nicht. Das war es dann aber auch schon. Debatte? Ja, natürlich - aber doch erst auf Grundlage eines Entwurfs.

Damit verschiebt sich insgesamt die öffentliche Wahrnehmung. Es muss noch nicht mal jemand absichtlich lügen und betrügen - das Zusammentreffen vieler kleiner Faktoren führt dazu, dass man immer stärker vom Weg der Wahrheit abkommt. Natürlich haben die Medien heute immer noch die „Vierte Gewalt“ im Staate inne. Bei der allgemeinen Zunahme des Medienkonsums spielen Berichte sicher eine heute noch wichtigere Rolle als früher. Die Tendenz der Regierenden, dem Volk nicht nur „auf’s Maul zu schauen“, sondern pro-aktiv gefühlte Stimmung in aktive Politik umzusetzen, hat ebenfalls zugenommen - siehe Atomausstieg. Wenn Stimmungsmache und voreiliges politisches Handeln zusammentreffen - dann haben wir ein Problem mit unserer Art gelebter Demokratie.

Zunächst haben aber die Medien erst mal ein Problem. Das Internet und die damit verbundenen neuen Wirkmechanismen sind für viele der Branche tatsächlich „Neuland“. Das betrifft die Art der Kommunikation wie auch die Finanzierung der Medien. Begleitet von Schnappatmung wird nach neuen Lösungen gesucht. Die Ansätze führender Verlage in Deutschland sind meines Erachtens jedoch viel zu traditionell. Da muss man die Bundeskanzlerin gar nicht auslachen - sie hat absolut recht. Das Internet ist für viele Neuland - das gilt vor allem und zuvorderst für viele Medienschaffende in Deutschland.

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